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Kindergeschichte

English Translation


Die Zwei Bohnen. Eine Kindergeschichte.

Ich kannte einen Türken. Seinen Namen habe ich vergessen. Er hatte zwei Söhne, was sehr zu verwundern ist, weil die Türken gewöhnlich 7 Kinder oder 11, manchmal auch 21 oder noch mehr haben. Dieser jedoch hatte nur zwei und die waren Zwillinge.

Eines der beiden (das Aeltere oder das Jüngere, ich weiß es nicht: bei Zwillingen gibt's immer eine» Jüngeren -— und zwar ist's der, der zuletzt das Licht der Welt erblickte) hieß Treuherz, das Andere hieß Schlaukopf. Jetzt irre ich mich vielleicht und es war vielleicht gar das Aeltere, das Schlaukopf hieß, und das Andere Treuherz. Aber schließlich ist das ja weiter von keiner Wichtigkeit, da das Aeltere bloß 7 Minuten nach seinem Bruder zur Welt gekommen war. Und dann ist's ja dir, lieber Leser, wahrscheinlich auch egal.

Als sie 7 Jahre alt waren, gab ihr Vater einem Jeden von ihnen eine Bohne und sagte: „Meine lieben Kinder, ich habe euch bis jetzt ernährt, gekleidet, unterrichtet und Wohnung gegeben. Jetzt aber habe ich gerade genug davon. Jetzt nährt euch, kleidet euch, sucht euch Wohnung und lernet selbst weiter." Er küßte Jedes von ihnen siebenmal auf die Stirne und setzte sie vor die Thüre.

Schlauköpfchen ging nach einer Seite, Treuherz nach der anderen. Jetzt irre ich mich aber vielleicht wieder und es war vielleicht Treuherz, der nach einer Seite ging, und Schlaukopf nach der anderen. Uebrigens ändert das ja absolut gar nichts an der Geschichte. Und wenn ich darüber überhaupt nur ein Wort verliere, so geschieht es nur deshalb, um Dir, lieber Leser, zu zeigen, wie ungemein gewissenhaft ich bin.

Schlauköpfchen spazierte bis zum Abend mit seiner Bohne in der Hand herum.

Am Abend, als seine Bohne ihm lästig zu werden begann, warf er sie über eine Mauer.

Da ihn hungerte, stibitzte er aus einem Geflügelhof ein Hühnchen, drehte ihm den Hals um und verspeiste es ganz roh.

Am nächsten Tage stahl er wo anders etwas Anderes. Am nächstnächsten Tage stahl er wiederum elwas Anderes, wieder wo anders — und so fort alle Tage — und da er schlau war, ließ er sich nie erwischen.

So stahl er 7 Jahre lang fort und wurde ein sehr geschichter Dieb. Er verstand es, Portemonnaies und Uhren zu ziehen, ohne daß die Leute es bemerkten. Taschentücher nahm er nie, denn er schätzte sie von zu geringem Werthe.

Mit 2l Jahren, das heißt zweimal 7 Jahre, nachdem sein Vater ihn auf die Straße gesetzt hatte, heiratete er die Tochter eines reichen Smyrnaer Kaufmannes. Er errichtete ein Handelshaus und stahl nun im Großen, ohne sich je erwischen zu lassen. Er hatte 7 Kinder, die er sehr vornehm erzog, und starb im Alter von 77 Jahren, geschätzt, verehrt, geliebt von Jedermann.

Auf sein Grab setzte man folgende Inschrift: „Hier ruht Schlaukopf Effendi, ein edler Mensch." Essendi heißt aus türkisch : „.Herr". — —

Jetzt, lieber Leser, wollen wir dir aber auch die Geschichte unseres Treuherz erzählen.

Treuherz spazierte bis zum Abend mit seiner Bohne in der Hand herum.

Am Abend, da er ein sehr kluger und sehr vorsichtiger Junge war, benetzte er sich siebenmal mit der Zunge die Lippen und sagte zu sich selbst:

„Wenn ich diese Bohne esse, wird mein Hunger doch nicht gestillt. Ich werde sie einsetzen."

„Es ist eine sehr schöne Bohne. Wenn ich sie gut begieße, wird sie gedeihen und ich werde sehr viele Bohnen ernten können — wenigstens 28, glaube ich."

„Ich werde diese 28 Bohnen nicht essen — 28 Bohnen könnten mich kein ganzes Jahr ernähren. Ich werde sie im nächsten Frühling wieder einsetzen. Sie werden mir 28 mal 28 Bohnen hervorbringen, das sind 784 Bohnen. „Wenn ich diese 784 Bohnen einsetze, werde ich im dritten Jahre 21.982 Bohnen ernten."

„Und wenn ich so fortfahre, werde ich im vierten Jahre 614.656 haben; im fünften Jahre 17,210.368; im sechsten 48l,890.304; im siebenten werde ich 13.592,928.542 Bohnen besitzen."

Und ganz vergnügt, warf er seinen kleinen rothen Fez in die Lüfte, indem er ausrief: „Dreizehn Milliarden, fünfhnndertzweiundneunzig Millionen, neunhundertachtundzwanzig Tausend, fünfhundertundzwölf Bohnen!!!"

Du wirst schon bemerkt haben, lieber Leser, daß Treuherz ein außerordentlich begabter kleiner Kerl war. Man muß doch wirklich ein sehr gut bestelltes Gehirn haben, um im Alter von sieben Jahren solch komplizirte Rechnungen im Kopfe zustande zu bringen.

Treuherz war aber nicht nur, was Intelligenz betrifft, ein ganz hervorragendes Kind, sondern er war auch von einer geradezu skrupulösen Rechtschaffenheit und niemals wäre ihm der Gedanke gekommen zu stehlen. Außerdem war er sehr stolz und hätte nie die Hand ausstrecken und um Almosen bitten mögen.

Er setzäe seine Bohne an einer recht schönen Stelle, neben einem Bache ein, pflanzte ein Stäbchen in die Erde, um den Ort zu erkennen, begoß den Boden, indem er mit seinen Händen Wasser aus dem Bache darauf schöpfte, ließ sich auf den Boden nieder — . . . ., und starb Hungers nach sieben Tagen. — — — — — — — — —

Armer, kleiner Treuherz! Wäre er ein Spitzbube, ein Betrüger, ein Raubgeselle, ein Dieb, ein Bandit, ein Lump, ein Schurke, ein Gauner, wie Schlaukopf gewesen, so hätte er — anstatt im Alter von sieben Jahren und sieben Tagen ganz allein vor der Stelle, wo er seine Bohne eingepflanzt hatte, zu sterben -—, wohlgenährt gelebt, ohne Mangel zu leiden, und wäre im Wohlstande im Alter von 77 Jahren gestorben.

Und die Moral dieser Geschichte? Es scheint, daß es den Dieben heutzutage meistens wohlergeht auf Erden, während die rechtschaffenen Leute elend zugrunde gehen.

Doch trotzdem verabscheue ich den Schurken Schlaukopf und hätte ich den guten, kleinen Treuherz gekannt, ich würde ihn sicherlich von ganzem Herzen geliebt haben.

Ich bin nun einmal so                                                Puck.


 

 

Lesen Sie das Original:
Die Neue Glühlichter – den 9 Mai. 1901 – Seite 2…………………………….

Bedeutendstes humoristisch-satirisches Arbeiterblatt der Sozialdemokratie, das 1889-1915 erschien (ab 1895 „Neue Glühlichter") im Stil des Münchner „Simplizissimus".

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